Akuma: Pfad aus Blut

Band 1 der Akuma Reihe

Klappentext

Wenn dein eigenes Dorf dich zum Mörder erklärt

Als Akuma in der Blutlache seines besten Freundes erwacht, bleibt ihm keine Zeit, dessen Tod zu verarbeiten. Ein Dämon hat ihn getötet – doch für die Dorfbewohner gibt es nur einen Schuldigen: Akuma.

Deshalb flieht er Hals über Kopf in die Stadt Sendou und muss das Dorfleben hinter sich lassen. Trotzdem ist er fest entschlossen, eines Tages zurückzukehren und seine Unschuld zu beweisen.

In Sendou lernt er die Dämonenjägerin Tomoko kennen und streift mit ihr durch die verwinkelten Gassen der Stadt, um Geister und Dämonen zu jagen. Doch je tiefer sie in die Dunkelheit Sendous vordringen, desto klarer wird: Das Aufeinandertreffen von Akuma und dem Dämon ist kein Zufall gewesen…

Leseprobe

Ungebetener Besuch


Kalte Frühlingsluft wehte durch Akumas langes Haar. Die Morgensonne erreichte bereits die strohgedeckten Dächer des Dorfs und er blickte neidvoll zu einem Raben hinauf, der mit ausgebreiteten Flügeln in der Sonne badete.

Obwohl Akuma fror, genoss er seinen Spaziergang, denn solange die meisten Dorfbewohner noch in ihren Futons schliefen, lag ein beruhigender Frieden über dem Ort. In dieser Stille hoffte Akuma, seinen blutigen Traum der letzten Nacht vergessen zu können.

Doch seine Gelassenheit verflog schlagartig, als er auf der Treppe seines Hauses einen unangenehmen Zeitgenossen erblickte, der ungeduldig und unablässig mit einem langen Holzstab auf eine Stufe trommelte. Es war Koroyasu, ein Mann mittleren Alters mit schütterem Haar, das zu einem dünnen Zopf gebunden war.

Als Akuma erkannte, dass seine Haustür offenstand, kochte die Wut in ihm hoch. Zielstrebig schritt er auf Koroyasu zu und rief. »Was hat das zu bedeuten?«

Koroyasu stand auf und spuckte mit einer grimmigen Miene auf den Boden. »Das weißt du ganz genau, du Lustmolch!«

»Lustmolch? Was fällt dir ein?«

Koroyasu hielt ihn mit dem Stab auf Abstand und blickte auf ihn herab. »Du Widerling stellst meiner Schwester nach!«

Wütend sagte Akuma. »Nichts läge mir ferner, als mich mit deiner Sippe einzulassen.«

Koroyasu trat eine Stufe nach unten, drückte den Stab gegen Akumas Brustbein und zwang ihn so, einen Schritt zurückzutreten. Am liebsten hätte Akuma ihm den Stab entrissen und den Störenfried von seinem Grundstück vertrieben. Aber noch mehr als das wollte er einen Kampf vermeiden.

»Wenn du sie weiter belästigst, breche ich dir das Rückgrat«, drohte Koroyasu.

Akuma schnaubte. »Ich belästige sie nicht!«

»Und warum flüstert sie dann im Schlaf deinen Namen?«

Akuma lachte. »Ich kann nichts für die feuchten Träume deiner Schwester. Und sie geben dir nicht das Recht, in mein Haus einzudringen! Diesmal bist du eindeutig zu weit gegangen! Ich werde verlangen, dass du bestraft wirst.«

Ein hinterhältiges Grinsen legte sich auf Koroyasus Gesicht. »Wer sagt denn, dass ich bei dir eingestiegen bin? Ich wollte dich nur zur Rede stellen. Die Tür war bereits geöffnet, als ich hier ankam. Ich habe dein stinkendes Haus nur betreten, um nach dem Rechten zu sehen.«

Diese dreiste Lüge ließ Akumas Wut überkochen. Ohne einen Gedanken an die Konsequenzen zu verlieren, zerrte er an dem Stab. Koroyasu stolperte die Treppe hinab, Akuma entriss ihm die Waffe und Koroyasu fiel in den Dreck. Akuma nahm einen tiefen Atemzug und versuchte den Geschmack dieses kleinen Triumphes auf seiner Zunge zu kosten. Dann warf er den Stab neben Koroyasu.

»Mach dich vom Acker«, sagte Akuma, drehte sich um und murmelte. »Wahrscheinlich wünschst du dir, dass sie stattdessen deinen Namen flüstert.«

Akuma erklomm die Treppe und als er die oberste Stufe erreichte, durchfuhr ein dumpfer Schmerz seinen rechten Knöchel. Er fiel auf die Knie und fuhr herum, gerade noch rechtzeitig, um dem zweiten Schlag auszuweichen. Der Stock prallte auf die Holzdielen und brach entzwei.

Koroyasu richtete die abgebrochene Spitze auf Akuma. »Eines Tages wirst du bei deinen dämonischen Machenschaften erwischt. Wenn es so weit ist, werde ich es sein, der dir einen Pfahl durch die Brust rammt. Bis dahin hältst du dich von meiner Schwester fern. Und wenn du noch einmal andeutest, dass ich sie begehre, breche ich dir alle Knochen.«

Akuma tobte vor Wut, doch für den Moment hatte Koroyasu die Oberhand.

»Sind wir hier fertig?«, zischte Akuma.

»Du solltest besser aus unserem Dorf verschwinden!«, sagte Koroyasu, der mit reichlich Schlamm bedeckt war. Dann drehte er sich um und stapfte davon.

Akuma holte tief Luft und versuchte, sich zu beruhigen. Er hatte sich lange nicht mehr geprügelt, denn meistens führte dies nur zu mehr Problemen. Schließlich stand er auf und untersuchte die Haustür. Wenigstens hatte Koroyasu sie nicht aufgebrochen, sondern nur das Schloss geknackt. Als er sein Schlafzimmer betrat, sah er seinen aufgeschlitzten Futon.

»Du elender Hund!«, fluchte er.

Frustriert zerrte er an einem Fensterladen, riss ihn aus den Angeln und warf ihn in die Ecke. Er strich sich durchs Haar und atmete tief durch. Als er sich beruhigt hatte, öffnete er das Fenster, lehnte sich über die Fensterbank und überlegte, wie er Koroyasus Schikanen ein Ende bereiten konnte.

Nach einiger Zeit hämmerte es gegen die Haustür und er vernahm die nervtötende Stimme von Kenji. »Akuma, aufstehen!«

Akuma antwortete nicht, doch Kenji gab keine Ruhe. Also raffte sich Akuma auf und schleppte sich zum Eingang.

Wieder klopfte Kenji. »Aufwachen, du Faulpelz! Aufwachen!«

Akuma öffnete die Tür und blickte stumm in Kenjis Gesicht. Er war sechzehn Jahre alt, vier Jahre jünger als Akuma, aber er dachte nicht im Traum daran, sich Akuma gegenüber respektvoll zu verhalten. Sein markantes Kinn, das unter dem Oberkiefer hervorsprang, und sein übergroßer Unterkiefer passten nicht zu seiner ansonsten knabenhaften Erscheinung.

»Von jemandem wie dir, lasse ich mich nicht als Faulpelz bezeichnen«, erwiderte Akuma verärgert.

Kenji benetzte seine dicken Lippen mit der Zunge. »Ich bin ein unverzichtbares Mitglied unserer Dorfgemeinschaft! Ohne mich würde in Korimura alles drunter und drüber gehen!«

Akuma rümpfte die Nase. »Das kannst du deiner senilen Großmutter erzählen, aber nicht mir.«

»Zu planen, zu dirigieren und zu kontrollieren kann viel anspruchsvoller sein als körperliche Arbeit! Dass du nicht verstehst, wie wichtig es ist, dass ein intelligenter Mann wie ich die Zügel in der Hand hält, überrascht mich überhaupt nicht!«

»Haha!«, Akuma musste lachen. »Das ist eine sehr interessante Sichtweise, Kenji. Nur schade, dass du gar nichts leitest. Du bist nur der Laufbursche deines Vaters! Ohne ihn wärst du ein Niemand.«

Kenji grinste ihn frech an. »Du meinst, ich wäre jemand wie du?«

Akuma sah Kenji mit finsterer Miene an. »Vielleicht. Aber die Leute hätten keine Angst, dass du ihnen nachts die Kehle durchschneidest oder ihre Eingeweide verspeist. Ich kann mir wenigstens mit Angst Respekt verschaffen. Und Respekt ist etwas, dass du niemals erlangen wirst!«

Kenjis hervorstehender Kehlkopf bewegte sich auffällig, als er schluckte. Ein Gefühl der Genugtuung durchströmte Akuma. Obwohl er die Schauermärchen hasste, die man sich im Dorf über ihn erzählte, gereichten sie ihm manches Mal zum Vorteil.

Mit gebrochener Stimme antwortete Kenji. »Niemand respektiert dich! Genug von diesem sinnlosen Gerede! Ich brauche dich heute auf den Feldern. Zieh dich sofort um und triff dich mit den anderen am Dorfeingang.«

»Wenn überhaupt, dann brauchst nicht du mich, sondern dein Vater. Außerdem hast du dich im Tag geirrt. Ich habe heute frei.«

»Wenn mein Vater oder ich dir sagen, dass du heute auf den Feldern zu arbeiten hast, dann tust du das auch, verstanden?«

Akuma hatte nicht vor, sich herumkommandieren zu lassen, denn er wollte nicht, dass Kenji den letzten Rest Respekt vor ihm verlor. Außerdem musste er ihn loswerden, denn Mahiko konnte jeden Moment auftauchen und auf die Idee kommen, Kenji zum Frühstück einzuladen.

»Lass uns ein Geschäft machen«, sagte Akuma.

»Einen Handel? Was willst du mir denn anbieten?«, antwortete Kenji spöttisch.

Ein Grinsen breitete sich auf Akumas Gesicht aus. »Nun, lass mich nachdenken. Ich könnte dir anbieten, dass ich nicht versuche, deinen hervorstehenden Unterbiss mit meiner Faust zu richten. Dafür verschwindest du und lässt mich in Ruhe.«

Schon bei den letzten Worten, bereute Akuma seine Drohung. Doch wenn es jemanden gab, der verbale Gewalt aus ihm herauskitzeln konnte, dann war es Kenji. Insbesondere heute schien dessen Gesicht ihn gerade dazu anzuflehen, ihm eine Abreibung zu verpassen.

Als Kenji seine Sprache wiedergefunden hatte, stammelte er. »Du, du würdest es nicht wagen, mir auch nur ein Haar zu krümmen. Warte ab, bis ich die Geschäfte meines Vaters übernehme. Dann bist du der ärmste Mann in ganz Korimura.«

Akuma wollte Kenjis Verunsicherung weiter auskosten und knackte genüsslich mit den Fingern. »Du scheinst nicht viel von meinem Angebot zu halten? An deiner Stelle würde ich jetzt die Beine in die Hand nehmen. Bevor meine Geduld am Ende ist.«

Kenji sah ihn ängstlich an. »Wie du willst. Aber glaube mir, du hast gerade den größten Fehler deines Lebens gemacht!«

Dann wandte er sich erhobenen Hauptes von ihm ab und stolzierte davon. Auch wenn Akuma die Konsequenzen seines Handelns bald spüren würde, minderte das nicht den süßen Geschmack dieses kleinen Siegs.

Akuma stütze sich gegen den Türrahmen und massierte sich die Schläfe. Der Tag konnte nur besser werden. Er schloss die Haustür und auch die Schlafzimmertür, denn er wollte nicht, dass der bald eintreffende Besuch die Schäden in seinem Zimmer entdeckte.

Dann öffnete er die Schiebetüren, die an zwei Seiten des Hauptraums zum Garten führten. Er setzte sich auf den Holzsteg, der rund ums Haus führte, legte den Kopf in den Nacken und schloss für einige Momente die Augen.

Als er sie wieder öffnete, fielen ihm faulende Streben im Dachgebälk auf.

Er seufzte, band sich die offenen Haare zu einem Zopf und betrachtete den Garten. Sein Pflegevater hatte sich vor seinem Tod immer mit großer Hingabe um ihre Oase hinter dem Haus gekümmert.

Der Boden des Gartens war mit grauen und weißen Kieselsteinen bedeckt. In der Mitte verlief ein schmaler Holzbohlenweg, der zu einem Beet am Ende des Gartens führte. Das Kiesbett wurde von zwei hoch aufragenden Bäumen durchbrochen, die höher hinausragten, als das Dach seines Hauses.

Sein Pflegevater hatte stets gewusst, welche Äste und Blätter der Bäume er zurückschneiden musste, um wahre Kunstwerke zu erschaffen. Seit seinem Tod war der Garten stark verwahrlost und die Pflanzen führten einen Wettlauf um die Überwucherung des Gartens.

Doch egal, wie verwildert er auch war, wenn im Frühling die zwei großen Kirschbäume blühten, erstrahlte er trotzdem in einer atemberaubenden Schönheit. Bis zu zwei Wochen im Jahr zeigten sie sich in ihrer vollen Pracht. Heute war der siebte Tag ihrer Blüte und die ersten Blütenblätter fielen bereits zu Boden. Sie bedeckten den Garten mit einem Kleid aus weißen und rosa Farbtupfern. Es wirkte, als bemühten die Bäume die Kraft eines ganzen Jahres, um ihrem Publikum ein unvergleichliches Schauspiel zu bieten. Auch, wenn das bedeutete, dass ihr Zauber nur von kurzer Dauer war.

Nachdem Akuma sich an der Pracht der Kirschblüten satt gesehen hatte, kehrte er ins Haus zurück. In der viereckigen Senke in der Mitte des Raums entfachte er ein Feuer, hing einen eisernen Topf über die Flammen und füllte ihn mit Reis und Wasser. Dann legte er sich neben den kniehohen Esstisch, schloss die Augen und döste.

Als das Klappern des Topfdeckels verriet, dass der Reis am Kochen war, klopfte es wieder an der Tür. Doch diesmal war es Mahikos Stimme, die Akuma hörte.

»Guten Morgen Akuma!«, sagte sie.

Ein breites Lächeln huschte über sein Gesicht, er stand auf und rief. »Guten Morgen Mahiko! Ich komme!«

Dann öffnete er die Schiebetür und blickte in ihre leuchtend grünen Augen. Zwischen den Augen der anderen Dorfbewohner stachen sie hervor wie zwei Smaragde zwischen schwarzen Kohlen. Nur Mahikos Mutter hatte auch grüne Augen, aber ihre vermochten es nicht, ihn in gleicher Weise zu verzaubern. Mahiko war nie bemüht, besonders weiblich oder anmutig zu wirken, und doch gelang es ihr mit magischer Leichtigkeit. Sie war einen halben Kopf kleiner als er, hatte reine Haut und seidiges Haar.

Nachdem Mahiko die Schiebetür hinter sich geschlossen hatte, zog sie ihn in eine innige Umarmung. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm die Arme um den Hals legen zu können und ihr betörender Duft nach Holz und Rosen stieg ihm in die Nase. Er schlang die Arme um Mahikos Taille, drückte sie fest an sich, und das Gefühl ihrer weichen Brüste ließ sein Herz schneller schlagen.

Seit einigen Wochen begrüßten sie sich auf diese Weise, immer darauf bedacht, nicht beobachtet zu werden. Denn eine Umarmung zwischen Mann und Frau war etwas Besonderes, vor allem, wenn sie so lange dauerte wie ihre. Es war, als wollten sie etwas vor den anderen verbergen, etwas, das sie selbst noch nicht ganz verstanden.

Als sie sich aus der Umarmung lösten, sagte Mahiko mit erröteten Wangen. »Hier riecht es aber gut! Der Duft von frisch gekochtem Reis, was gibt es Schöneres am Morgen?«

Sie zog ihre Sandalen aus, stellte sie fein säuberlich in Richtung Ausgang und durchquerte den Raum. Dabei drehte sie sich einmal um die eigene Achse und ihr roter Kimono, der eigentlich zu festlich für den einfachen Anlass eines Frühstücks war, wehte um sie herum.

Gemeinsam setzten sie sich auf den Holzsteg, betrachteten den Garten und Mahiko sagte. »Jedes Mal, wenn deine Kirschblüten blühen, habe ich das Gefühl, dass der Geist deines Vaters dich grüßt.«

Doch anstatt über seine verstorbenen Pflegeeltern zu sprechen, brannte Akuma ein anderes Thema auf der Zunge. »Du hast einen neuen Kimono?«

Mahiko sah ihn lächelnd an. »Gefällt er dir?«

»Es ist ein schöner Kimono, aber wo hast du ihn her?«

»Von einem fahrenden Händler«, sagte sie beiläufig.

»Das habe ich nicht gemeint.«

Mahiko sah ihn genervt an. »Ich weiß ganz genau, worauf du hinauswillst.«

»Dann ist er von Kenji?«

»Ja. Aber ich verstehe aber nicht, warum das ein Problem sein soll. Du weißt, dass ich mir so einen Kimono niemals selbst leisten könnte. Und mein Vater wird einen Teufel tun, mir einen zu kaufen.«

»Du weißt aber schon, was Kenji sich davon erhofft?«

Sie stupste ihn gegen die Nase. »Und du weißt ganz genau, dass er das nie von mir bekommen wird.«

»Trotzdem ertrage ich einfach nicht, wie lüstern er dich ansieht. Von so einem Halbstarken brauchst du keine Geschenke anzunehmen. Egal, was du anziehst, du siehst immer bezaubernd aus.«

Mahiko lächelte und schaute ihm tief in die Augen. Akumas Blick fiel auf ihre zarten Lippen. Innerlich rang er mit sich, sich über die gesellschaftlichen Regeln hinwegsetzen und Mahiko zu küssen. Dann klopfte es erneut an der Tür.

Akuma hörte die vertraute Stimme von Harumo rufen, der jede Silbe übertrieben in die Länge zog. »Hallo Akuma! Hier ist Harumo!«

Akuma ging zur Tür und antwortete auf dieselbe Weise. »Wer ist denn Harumo?«

»Dein schlimmster Albtraum, wenn du nicht sofort die Tür aufmachst!«

Mit einem heftigen Ruck öffnete Akuma die Tür und begrüßte Harumo. »Tja, dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Ein normaler Albtraum ist schon schlimm genug, aber wenn ich auch noch Gefahr laufe, dass du darin auftauchst, bin ich völlig verloren!«

Harumo hatte eine stämmige Statur, kurze Haare und ein fast kreisrundes Gesicht. Er war ein kleines Stück größer als Akuma und schloss ihn in eine kräftige Umarmung.

Als er Mahiko sah, sagte er laut. »Du bist ein Schelm, Akuma. Hat Mahiko schon wieder hier übernachtet? Lass dich bloß nicht von Isono erwischen!«

Akuma schloss die Tür hinter Harumo und gab ihm einen kleinen Klaps auf die Schulter. »Hör auf so einen Mist zu erzählen. Vor allem bei offener Tür!«

Harumo lachte laut, begrüßte Mahiko und setzte sich zu ihr an den Tisch. Akuma traf letzte Vorbereitungen, dann frühstückte er mit den Menschen, die für ihn wie eine Familie waren.

Harumo sprach mit vollem Mund und unterbrach seinen Redefluss mit kurzen Kaupausen. »Wisst ihr…, ich habe mir etwas überlegt…, ihr wisst ja, dass ich irgendwann von hier weggehen möchte…, vielleicht nicht für immer…, aber zumindest für ein paar Jahre…, auch nicht sofort…, aber bald…, also was ich eigentlich sagen will…«, er schluckte das gründlich zerkleinerte Essen hinunter. »Also, wenn Keisuke das nächste Mal unser Dorf besucht, werde ich ihn fragen, ob ich bei ihm in die Lehre gehen kann.«

Mahiko fragte. »Willst du etwa Puppenspieler werden? Oh, das wäre großartig! Dann könntest du eines Tages den Kindern Geschichten von Helden und Dämonen vorspielen. Als wir noch Kinder waren, waren das magische Vorstellungen!«

Harumo antwortete. »Oh Mahiko! Du weißt doch, dass Keisuke viel mehr ist als ein Puppenspieler. Vor allem anderen ist er Handwerker und Tüftler! Denk nur an seinen aufziehbaren Tausendfüßler! Damals haben sogar die Erwachsenen nicht schlecht gestaunt! Ich sage dir, Keisukes Fähigkeiten sind das, was man am ehesten als Zauberei bezeichnen kann!«

Mahiko zog die Mundwinkel nach unten. »Igitt, von dem Ding hatte ich wochenlang Albträume. Diese ganzen dünnen Beine. Es schüttelt mich immer noch, wenn ich nur daran denke. Stell dir vor, Tausendfüßler wären wirklich so groß wie dieses Spielzeug. Ekelhaft!«

Akuma konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen. »Aber Mahiko, das Ding war doch nur aus Holz.«

Mahiko blieb stur. »Es ist mir egal, ob es aus Holz war. Wieso baut er nicht etwas Schönes? Warum nicht eine Katze? Stattdessen einen Tausendfüßler. Wie der über den Boden gekrabbelt ist, so was Ekliges!«

Harumo entgegnete. »Und doch musst du zugeben, dass er ein wahrer Meister ist!«

»Das habe ich auch nie in Frage gestellt«, antwortete sie scharf.

Harumo sagte euphorisch. »Stell dir vor, ich könnte ihm helfen, seinen Traum zu verwirklichen! Eine lebensgroße Puppe, die sich wie ein Mensch bewegt. Stellt euch vor, was sie alles tun könnte! Vielleicht könnte sie sogar für uns putzen und kochen!« Harumo begann lauthals zu lachen. »Und wenn sie dann noch Kinder kriegen kann, brauchen wir gar keine Frauen mehr.«

Auch wenn es ein stumpfer Witz war, musste Akuma sich zusammenreißen, nicht in Harumos ansteckendes Gelächter mit einzustimmen.

Mahiko antwortete. »Du bist ein Idiot, Harumo! Du hast doch nur Angst davor, keine Frau abzukriegen, oder?«, und streckte ihm die Zunge heraus.

Zu dritt alberten sie noch eine Weile herum und schwelgten in Erinnerungen an ihre gemeinsame Kindheit. Dann verließ Mahiko sie. Zum Abschied winkten sich Akuma und Mahiko lediglich zu, wobei Harumo sie kritisch beäugte.

 

Als Akuma und Harumo sich wieder gesetzt hatten, sagte Akuma. »Wenn du wirklich bei Keisuke in die Lehre gehst, werde ich dich sehr vermissen.«

»Ich dich auch! Wahrscheinlich sogar noch mehr als du mich! Bestimmt werde ich unter schrecklichem Heimweh leiden«, antwortete Harumo.

»Aber du wirst viele neue Leute treffen und unzählige neue Dinge erleben! Bei so viel Ablenkung wirst du bestimmt kaum an uns denken. Wann, glaubst du, wird Keisuke wieder ins Dorf kommen?«

»Normalerweise kommt er im Frühsommer, also habe ich noch ein paar Monate Zeit.«

»Und wenn er morgen kommt?«

»Dann würde ich schon in ein paar Tagen abreisen. Sofern er mich denn als Lehrling akzeptiert. Ich habe schon alles mit meinen Eltern besprochen.«

»Dann hoffe ich, dass er sich dieses Jahr etwas mehr Zeit lässt. Sonst verpasst du vielleicht etwas Wichtiges.«

Harumo hob eine Augenbraue und sah ihn verschwörerisch an. »Meinst du das, was ich denke?«

Akuma lächelte. »Du vermutest richtig. Ich möchte Mahiko einen Antrag machen. Außerdem habe ich beschlossen, die Rüstung zu verkaufen. Sie muss sehr wertvoll sein, wenn man bedenkt, wie oft versucht wurde, sie mir abzuschwatzen! Mit dem Erlös kann ich eine Feier veranstalten und passende Kleidung kaufen. Du weißt doch, wie sehr sie die Kimonos der fahrenden Händler liebt. Ich möchte ihr einen für die Hochzeit kaufen.«

Harumo rümpfte die Nase. »Ich unterstütze deinen Wunsch, Mahiko zu heiraten, aber willst du wirklich das einzige Erbe deines Vaters verkaufen? Glaubst du nicht, dass Mahiko auch mit weniger zufrieden wäre?«

»Leiblicher Vater Harumo, nicht Vater. Ich möchte ihr den schönsten Tag ihres Lebens bereiten. Die Rüstung dafür zu verkaufen, ist ein geringer Preis, den ich gerne zahle.« Er zuckte mit den Schultern. »Um ehrlich zu sein, wollte ich sie schon immer verkaufen. Einmal hätte ich sie fast gegen Pako eingetauscht«, sagte Akuma.

Harumo schmunzelte. »Stimmt, ich erinnere mich. Pako, ein süßer Hund. So eine hinterlistige Nummer konnte ja nur von Koroyasu kommen. Seinen Hund eintauschen, wie kann man nur?«

»Zum Glück hat mir Higamoto damals den Handel untersagt, sonst hätte Koroyasu das Geschäft seines Lebens gemacht. Selbst wenn ich Pako gekauft hätte, wäre es immer noch sein Hund geblieben. Ich hätte ihn schon anleinen müssen, damit er bei mir geblieben wäre.«

»Trotzdem solltest du dir das gut überlegen. Wenn die Rüstung erst einmal verkauft ist, ist sie weg.«

Akuma ließ sich nicht beirren. »Ich werde niemals ein Samurai sein. Wofür brauche ich also die Rüstung? Ich werde meine zukünftige Familie nicht verlassen, um für Ruhm und Ehre in die Schlacht zu ziehen. Ein Samurai ist nichts anderes als ein bezahlter Mörder.«

Harumo hob beschwichtigend die Hände. »Schon gut, schon gut! Es ist ja deine Entscheidung. Lass uns bloß keine Diskussion über Samurais führen. Sonst streiten wir uns wieder. Und dafür habe ich viel zu gute Laune.«

Sie plauderten noch über ihre Zukunftspläne und stellten sich vor, wie ihr Leben in einem, fünf oder gar zehn Jahren aussehen würde. Dann verabschiedete sich auch Harumo.

Den Rest des Tages verbrachte Akuma damit, den Fensterladen zu reparieren, das Fenster zu flicken und im Garten zu arbeiten.

Als die Sonne tief am Himmel stand und lange Schatten warf, dachte Akuma an den Dorfältesten Higamoto. Er würde jetzt sicher im Versammlungsraum sein. Und so fasste Akuma den Entschluss, noch heute sein Eigentum in Augenschein zu nehmen.


Higamotos Rat


Akuma blickte über den runden Dorfplatz vor seinem Haus. Aufmerksam beobachtete er jede Mauer, jeden Busch, jede Ecke, hinter der sich heimtückische Angreifer verstecken könnten. Denn wenn er durch das Dorf ging, musste er befürchten, von hinterlistigen kleinen Wesen angegriffen zu werden.

Als er die Kreuzung erreichte, von der aus ein Weg den Hügel hinauf zur Versammlungshalle führte, hörte er die helle Stimme eines dieser kleinen Wesen. »Auf ihn! Angriff!«

Unter dem Holzsteg eines Hauses stürmten drei kleine Jungen hervor. Gemeinsam schrien sie im Chor. »Tötet den Dämon!«

Sofort griff Akuma in sein Gewand und holte seine Geheimwaffe hervor. Ein Stück Stoff, auf das er eine Fratze mit kreisrunden Augen und einem runden Mund gemalt hatte.

Er setzte die Maske auf und ging wie ein Ringer in die Knie. »Ihr wagt es, euch dem gefürchteten Akuma entgegenzustellen? Ich werde euch einfangen und verspeisen.«

Er stürzte sich auf die Kinder, die sofort johlend die Flucht ergriffen. Zwei Jungen entkamen seinen Fängen um Haaresbreite, doch das dritte Kind bekam er zu fassen.

Er hob den kichernd strampelnden Jungen vom Boden auf. »Du wirst heute gefressen!«

Akuma kitzelte den Jungen erbarmungslos. Wenige Augenblicke später öffnete sich mit einem lauten Knall die Tür des Hauses, unter dem sich die kleinen Angreifer versteckt hatten.

Eine kleine Frau stand mit einem Besen in der Tür und schrie. »Lass sofort mein Kind los, du Ungeheuer!«

»Wir spielen doch nur, Mama«, rief der Junge auf Akumas Arm.

Die Frau rannte die Treppe hinunter und schrie hysterisch. »Nichts da! Du sollst ihn loslassen! Sonst erlebst du dein blaues Wunder!«

Schnell setzte Akuma das Kind auf den Boden ab und entfernte sich einige Schritte von ihm.

Die Frau kniete sich neben das Kind und tastete es hektisch ab. »Geht es dir gut? Hat er dir wehgetan?«

»Mama, du bist voll peinlich!«

»Bin ich nicht! Dieser Akuma ist wie eine Raubkatze, er spielt mit seiner Beute, bevor er sie frisst! Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du dich von ihm fernhalten sollst!«

Akuma, der diese Anschuldigungen gewöhnt war, zog sich die Maske vom Kopf, winkte dem kleinen Jungen zum Abschied zu und begab sich wieder auf seinen Weg zur Versammlungshalle. Wenn der Junge und die anderen Kinder erst einmal erwachsen waren, würde sich sein Ruf bessern, hoffte Akuma. Zum Glück ließen sich viele Kinder im Dorf nicht von den Schauergeschichten und Lügen beeindrucken, die einige Erwachsene über ihn erzählten.

Als Akuma die Halle betrat, zog er seine Sandalen aus und stellte sie neben die wenigen Schuhe der anderen Besucher. Die geringe Besucherzahl bedeutete hoffentlich, dass Higamoto schnell ansprechbar war. Denn wenn er in ein Gespräch verwickelt war, dauerte es manchmal ewig, bis es zu Ende war.

Große Holzsäulen trugen das mächtige Dach der Halle. Sie war das imposanteste Gebäude im ganzen Dorf, und ihre Wände waren mit Darstellungen aus der Dorfgeschichte bemalt. Akuma ging durch den Versammlungsraum, in dem Feste und Aufführungen stattfanden.

Er sah eine kleine Gruppe von Männern, die sich zum Tee versammelt hatten. Als er näher kam, erkannte er, dass es sich um Koroyasu und seine Freunde handelte.

Als er an ihnen vorbeiging, drehten sie sich zu ihm um und warfen ihm spöttische Blicke zu. In einem so kleinen Dorf wie Korimura war es üblich, sich zu grüßen; ihr Schweigen kam einer Beleidigung gleich.

Akuma sagte laut. »Guten Tag! Bitte lasst euch von mir nicht in eurer belanglosen Unterhaltung stören«, und stolzierte mit erhobenem Kinn an ihnen vorbei.

Koroyasu rief ihm hinterher. »Hüte deine Zunge, sonst vollende ich, wozu deine Mutter nicht fähig war!«

Akuma hielt inne und ballte die Hände zu Fäusten. Er erinnerte sich an das Bild seines zerfetzten Futons und wollte sich auf Koroyasu stürzen. Doch er schluckte seine Wut hinunter und ging weiter.

Einer von Koroyasus Freunden rief ihm gehässig hinterher. »Deine Mutter hätte dich gleich nach der Geburt töten sollen. Dass sie sich stattdessen das Leben genommen hat, ist eine Schande! Ich hätte gerne einmal von ihrer Weiblichkeit gekostet.«

Akuma bemühte sich, ruhig zu bleiben und konzentrierte sich darauf, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Er war diese Schikanen seit seiner Kindheit gewohnt und inzwischen abgehärtet.

Man hatte ihm immer einreden wollen, dass er am Tod seiner Mutter schuld sei. Sie war allein gewesen, als sie ihn auf die Welt gebracht hatte. In der Nacht seiner Geburt hatte sie eine Botschaft in den Holzboden ihres Hauses geritzt. »Dieses Kind ist ein Dämon. Er soll Akuma heißen.«

Dann hatte sie sich die Kehle aufgeschlitzt und war elendig verblutet. Sie hatte ihn allein gelassen und mit diesem Namen gebrandmarkt. Akuma, ein anderes Wort für Dämon. Er fühlte nur Wut ihr gegenüber. Sie musste verrückt gewesen sein, denn kein zurechnungsfähiger Mensch wäre zu so einer Tat fähig. Warum sie ihn nicht mit in den Tod genommen hatte, war ihm ein Rätsel.

Akuma streifte den Ärger von seinen Schultern und ging durch die Schiebetür, die in den hinteren Teil der Halle führte. Er folgte einem schmalen Gang und gelangte in einen kleinen Innengarten.

In dessen Mitte stand der Dorfälteste Higamoto und schnitt einen Bonsai. Higamoto hob den Kopf und lächelte Akuma stumm an. Ein langer Kinnbart zierte sein breites Gesicht. Mit einer Handbewegung wies er Akuma an, sich zu setzen. Dann widmete er sich wieder dem Bonsai. Akuma befolgte die Anweisung und kniete sich auf den Holzsteg. Higamoto war der weiseste Mensch, den er kannte, und einer der wenigen in Korimura, die er wirklich bewunderte. Sein graues Haar trug er zu einem langen Pferdeschwanz gebunden. Obwohl er der Älteste im Dorf war, war er körperlich und geistig so fit, wie ein Mann, der gerade erst begann zu ergrauen. In seinem Blick lag stets die Absicht, noch viele Jahre unter den Lebenden zu weilen.

Nachdem der Älteste seine Schneidewerkzeuge niedergelegt hatte, gesellte er sich zu Akuma. »Sei gegrüßt, Akuma. Was führt dich zu mir?«

»Ich grüße dich, Higamoto. Danke, dass du mich empfängst. Ich bin gekommen, um mein Erbe anzutreten.«

Nach einem prüfenden Blick antwortete Higamoto. »Und was bewegt dich zu diesem Schritt? Ich erinnere mich an einen kleinen Jungen, der sein Erbe gegen einen halbtoten Hund eingetauscht hätte.«

Wie jedes ihrer Gespräche fühlte sich auch dieses wie eine Prüfung an. Um Higamoto auf Augenhöhe zu begegnen, versuchte Akuma, sich geschwollen auszudrücken. »Ich will kein großer Krieger werden, denn ein Krieger sucht immerzu den Kampf. Ich will nicht für einen Feudalherren in die Schlacht ziehen und meiner Familie Kummer bereiten.«

Inzwischen hatte er gelernt, dass es auf Higamotos Fragen keine richtigen Antworten gab. Egal, welche Worte er wählte, Higamoto gab ihm stets eine Lebensweisheit mit auf den Weg.

Und so sprach dieser. »Aus deinen Worten schließe ich, dass du die Rüstung nicht um ihrer selbst willen nehmen willst. Ich verstehe dich, junger Akuma. Die Enttäuschung über deinen leiblichen Vater spricht aus dir. Aber lass dir dein Urteilsvermögen nicht trüben. Ein Samurai kämpft seine Schlachten nicht nur um des Ruhmes willen, sondern vor allem, um die Schwachen zu beschützen. Wenn sich Krieg über das Land ausbreitet und jeden Funken Glück auslöscht, ist auch der friedfertigste Mann gezwungen zu kämpfen. Bedenke dies, bevor du vorschnell sein Andenken aufgibst. Wovon du dich einmal trennst, kann für immer verloren sein.

»Ich bin nur durch den Zufall meiner Erbfolge ihr Eigentümer. Ich bin kein Samurai. Für mich hat sie keinen Wert. Deshalb werde ich sie eintauschen.«

Higamoto antwortete. »Ich hoffe, du wählst den Preis diesmal mit mehr Bedacht. Aber ich will dich nicht weiter belehren, denn du bist ein erwachsener Mann. Komm und begleite mich zu deinem Eigentum.«

Mit einer einladenden Armbewegung bedeutete er ihm aufzustehen. Sie gingen zur anderen Seite des Gartens, passierten zwei Schiebetüren und folgten einem schmalen Gang, an dessen Ende Higamoto eine hölzerne Tür zur Seite schob. Dahinter verbarg sich ein Steinbogen mit einem Eisentor. Higamoto zog einen Schlüssel unter seinem Gewand hervor und öffnete das Tor. Dann betraten sie die gemauerte Schatzkammer des Dorfes. Darin befanden sich Ritualgegenstände, kunstvoll verzierte Vasen, Säcke, Tonkrüge und Truhen. Neben der Truhe ganz hinten in der Kammer blieb Higamoto stehen und reichte Akuma einen metallenen Gegenstand.

Akuma nahm den Schlüssel und öffnete die Truhe. Darin lag ein verschnürtes Bündel. Er schlang beide Arme darum und hievte das schwere Paket aus der Truhe. Am liebsten hätte er es sofort ausgepackt, doch er wollte nicht den Eindruck eines ungeduldigen Kindes erwecken. Er wollte gerade wieder aufstehen, als Higamoto sich über die Truhe beugte und die Innenwände abtastete. Kurz darauf ertönte ein hölzernes Knarren. Eine kleine Tür, gerade groß genug, um mit der Hand hineinzugreifen, öffnete sich an der Außenseite der Truhe.

Higamoto sah Akuma an und deutete auf das Fach. »Greife hinein.«

Akuma folgte der Anweisung und ertastete in dem schmalen Schacht einen harten Gegenstand. Er zog ihn heraus. Zuerst kam ein schwarz glänzender Knauf zum Vorschein, dann ein Griff, der mit einem dunklen Material umwickelt war, das sich ledrig und doch fein wie Seide anfühlte. Es folgte ein Stichblatt von bizarrer Handwerkskunst. Aus dunklem Eisen gefertigt, zeigte es die ineinander verschlungenen Körper eines Tausendfüßlers und eines stämmigen Samurais. Doch wo der Körper des Menschen begann und der des Insekts endete, war nicht zu erkennen. Die rote Fratze des Mannes war mit einem Gesichtsausdruck zwischen Schmerz, Wut und Wahnsinn gezeichnet. Akuma betrachtete das Kunstwerk. Er konnte nicht erkennen, ob der Kopf des Samurai auch der Kopf des Tausendfüßlers war. Falls ja, handelte es sich um ein seltsames Mischwesen, von dem selbst die bizarrsten Märchen nichts berichteten. Dem Stichblatt folgte eine schwarze Scheide, in der die Klinge des Katanas ruhte.

Er schwang das Bündel über die Schulter, griff nach dem Katana und verließ zusammen mit Higamoto die Kammer. Akuma verabschiedete sich mit einer so tiefen Verbeugung, dass ihm das Bündel fast über den Kopf fiel.

Auf seinem Weg durch die Versammlungshalle würdigte er Koroyasu und seine Freunde keines Blickes. Aus den Augenwinkeln sah er ihre vor Neid glühenden Gesichter. Er genoss es, wie die neidischen Blicke der Männer förmlich nach ihm griffen.

Sie sollen daran ersticken – dachte er.

Das eingewickelte Katana in Akumas Hand fühlte sich an wie ein Instrument der Macht. Es schien aus einem tiefen Schlaf erwacht zu sein und verlangte danach, wieder geschwungen zu werden. Akuma fragte sich, ob Koroyasu oder Kenji ihn immer noch von oben herab behandeln würden, wenn er ihnen wie ein Samurai bewaffnet gegenübertrat.

 

Der Schlund


Akuma kniete vor der Statue der weiblichen Gottheit Hakorasu. Die Klinge eines abgebrochenen Katanas steckte zwischen ihren Handflächen, die sie zum Gebet vor der Brust zusammengelegt hatte. Fürsorglich blickte sie auf ihn herab. Als Gesandte des Friedens war es ihre Aufgabe, Korimura davor zu bewahren, in die Fänge von Kriegen und Schlachten zu geraten. Akuma betete selten zu den Göttern, und noch seltener kam er deswegen hierher. Aber wenn es wirklich eine höhere Macht gab, dann wollte er sie um Hilfe bitten.

Leise flüsterte er. »Liebe Götter. Auch wenn ich an eurer Existenz zweifle, so hoffe ich doch, dass auch ich einen Platz in euren Gedanken habe. Ich werde um Mahikos Hand anhalten und bitte hiermit um euren Segen.«

Ein kurzes Gebet, aber wenn es tatsächlich allmächtige Götter gab, dann waren sie ohnehin nicht auf sein gesprochenes Wort angewiesen, um in seine Gedanken einzudringen, dachte Akuma. Er atmete tief durch und genoss den süßlich herben Duft der Räucherstäbchen, der sich in den Tiefen der Dielen festgesetzt hatte.

Dann hörte er, wie jemand die Stufen zum Tempel hinaufstieg. Das war das Ende seines Besuchs, denn es war ihm unangenehm, diesen Moment mit einem der Dorfbewohner zu teilen. Er stand auf, verbeugte sich zweimal tief vor Hakorasu, klatschte zweimal in die Hände und wandte sich dem Ausgang zu.

Akuma war freudig überrascht, als er den Besucher erblickte. Es war sein Freund Harumo.

»Was machst du denn hier?«, fragte Akuma.

Lachend antwortete dieser. »Was ich hier mache? Das sollte ich eigentlich dich fragen! Ich habe dich noch nie freiwillig hier gesehen.«

» Da hast du recht!«, musste Akuma mit einem kleinen Lachen zugeben.

Harumo kam ihm entgegen. »Na, was führt dich denn hierher?«

»Ich will natürlich beten!«

Mit einem ironischen Unterton sagte Harumo. »Natürlich, was für eine dumme Frage von mir. Aber warum betest…« Harumo beendete den Satz nicht, stattdessen wanderte sein Blick zu dem Katana und dem Bündel. »Die Rüstung! Und ein Katana! Das ist ja toll! Hast du die Sachen schon ausgepackt?«

»Nein, habe ich nicht. Ich habe die Rüstung und das Katana gerade erst abgeholt.«

Harumo klopfte ihm auf die Schulter. »Dann ist ja klar, was wir jetzt machen! Du wirst eingekleidet!«

Harumos Worte schürten seine Neugier und so sagte Akuma. »Dann lass uns zu mir gehen!«

»Nichts da! Zieh die Rüstung jetzt an! Soll sie doch jeder sehen! Ihnen sollen die Augen ausfallen! Das treibt den Preis in die Höhe!«

»Hm… vielleicht hast du recht. Gut, fangen wir an!«

Sie setzten sich neben das Bündel, lösten die vielen Knoten und förderten eine dunkelrote Samurai–Rüstung zutage. Auch ein gewebtes Hemd und eine Stoffhose waren vorhanden. Akuma zog sich aus und schlüpfte in die muffige Kleidung. Als er den mit feinen Schriftzeichen bestickten Stoff zwischen den Fingern rieb, bemerkte er, dass darin ein feines Metall eingewebt war.

Erst auf den zweiten Blick erkannte Akuma, dass auch die Rüstung mit kleinen Schriftzeichen bedeckt war, denn ihre dunkelbraune Farbe hob sich kaum von dem dunkelroten Metall der Rüstung ab. Obwohl Akuma des Lesens und Schreibens mächtig war, konnte er keines der Schriftzeichen entziffern.

Sie betrachteten die einzelnen Teile, deren Ränder mit bronzenen Schnörkeln verziert waren. Akuma nahm den Brustpanzer in die Hand und glaubte für einen Moment, die Silhouette eines Tieres zu erkennen. Doch nach einem Augenblinzeln war sie wieder verschwunden.

Wahrscheinlich Einbildung – dachte er.

Es dauerte eine Weile, bis er herausgefunden hatte, an welche Stelle welches Teil gehörte und in welcher Reihenfolge er seine Rüstung anlegen musste.

Als er vollständig ausgerüstet war, machte Akuma einige prüfende Bewegungen. Die einzelnen Teile waren körperbetont gefertigt und Akuma stellte fest, dass seine Beweglichkeit kaum eingeschränkt war. Das Gewicht der Rüstung, das beim Tragen des Bündels seine Arme in die Länge gezogen hatte, war nun federleicht.

Harumo trat einen Schritt zurück und sah ihn mit glasigen Augen an. »Wahnsinn! Du siehst stark und unbesiegbar aus. Diese Rüstung ist wie für dich gemacht!«

Eigentlich wollte Akuma erwidern, dass das egal sei, da er sie ja verkaufen wollte. Aber jetzt, wo sie sich wie eine zweite Haut an seinen Körper schmiegte, war er sich da nicht mehr so sicher. Die Rüstung gab ihm das Gefühl, unverwundbar zu sein.

»Zieh dein Katana«, sagte Harumo euphorisch.

Akuma hob die Scheide an und zog das Katana heraus. Er hatte blanken Stahl erwartet, doch stattdessen sah er dunkles Metall, das von roten und schwarzen Wellen durchzogen war.

Noch während er die Pracht der Klinge bewunderte, legte sich ein metallischer, fauliger Geschmack auf seine Zunge. Kälte kroch in seine Glieder, seine Beine zitterten und in seinem Kopf dröhnte es schmerzhaft. Ihm wurde schwindelig, dann fiel er nach vorne auf alle viere. Akuma war zu schwach, um aufzustehen, doch zumindest schaffte er es, den Kopf leicht anzuheben.

Harumo ging vor ihm in die Hocke und legte ihm die Hand auf die Schulter. Die Lippen seines Freundes bewegten sich, aber Akuma verstand kein Wort.

Dann fiel sein Blick auf eine Ecke des Tempels, in der sich ein tellergroßes schwarzes Loch auftat. Dunkle Fäden wuchsen daraus und krochen über den Boden. Wie kleine Würmer schlängelten sie sich in alle Richtungen und pulsierten wie Arterien.

Angsterfüllt starrte Akuma auf den Abgrund. Es fühlte sich an, als würde seine Lebenskraft förmlich aus ihm herausgesaugt. Je größer das Loch wurde, desto schwächer wurde er. Dann krallten sich zwei Pranken in den Rand des Abgrunds, mit Zeigefingern so dick wie die Pranke selbst und Krallen so lang wie Akumas Katana. Den Händen folgte eine grässliche Fratze, deren Anblick Akuma fast in den Wahnsinn trieb. Hätte er beschreiben sollen, was er sah, ihm hätten die Worte gefehlt. Benommen und verängstigt wich auch der letzte Rest Kraft aus seinen Gliedern. Ihm wurde schwarz vor Augen und die Welt verstummte.

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Niklas Dittrich

Autorenseite, Werkstattnotizen und Einblicke in laufende Projekte.

© 2026 Niklas Dittrich

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