
Gefallen aus einer anderen Welt.
Ein blauer Riss öffnete sich vor meinen Augen. Sofort spürte ich den Sog, der meine sechs Flügel verbog. Die schwere Luft, in der ich mich so frei bewegte, wie du auf deinen Beinen, strömte hindurch und riss mich mit sich. Ich kämpfte dagegen an, schlug stärker mit meinen Flügeln, als es je einer meiner Artgenossen tat. So müssen sich Fische fühlen, wenn sie vom Strom mitgerissen werden.
Ich passierte die Pforte in eure Welt und wurde von einem bisher ungekannten Gefühl ergriffen. Später erklärtest du mir, es hieße Fallen. Dünn ist die Luft in eurer Welt und federleicht. Zu leicht, als dass sie meinen Körper tragen könnte. Verzweifelt schlug ich mit meinen Flügeln, deren feine Haare in eurer leblosen und dünnen Luft keinen Halt fanden.
Ich konnte meinen Sturz verlangsamen, doch auftrieb gewann ich keinen. Eure kalte Luft brannte auf meiner Haut und trieb mir die Kraft aus den Gliedern. Mein Körper fühlte sich schwer an, schwerer als je zuvor.
Bizarr sah eure Welt aus und wird auf immer befremdlich für mich sein. Keine Pflanzen gibt es in der Luft. Was Ihr einen Baum nennt, ist in meinen Augen nur ein Sprössling. Doch in meiner Welt, da reckt sich mancher Baum bis in die Spitzen der Wolken, verflochten und verzweigt mit seinen Artgenossen. Flach ist eure Welt, findet euer Leben doch ausschließlich auf der Erdoberfläche statt.
Verzweifelt blickte ich mich um, auf der Suche nach einem Ort, an dem ich meinen Sturz überleben könnte. Meine Sicht beeinträchtigt von dem allgegenwärtigen blauen Licht euerer Welt. Wiesen, Wolken, Felsen, Blumen, alles ist getaucht in blaues Licht. Mir schwindelte es.
Doch in der Ferne erkannte ich eine glatte Oberfläche; Ein Glück, es war Wasser. Für mich ist es nur ein kleiner Teich, doch du, du nennst es einen See. Mit aller Kraft spannte ich meine sechs Flügel auf, spreizte sie, um zu segeln.
Ich stürzte ins Wasser, zwei meiner Flügel brachen. Der Schmerz, er wird wohl nie vergehen. Doch zumindestens das Wasser ist wohlig warm; Du nennst es eine heiße Quelle.
Verlasse ich das Wasser, so werde ich übermannt von einer Kälte, die schlimmer auf meiner Haut brennt als jedes Feuer es vermag. Und so bin ich gefesselt an diesen Ort.
Dreimal hat sich der Nachthimmel verdunkelt, bevor du mich fandest. Dreimal blickte ich hinauf in einen Himmel voller glimmender Punkte. Und während meine Kraft langsam schwand, blieb mir nur, das Sternenzelt am Firmament zu bestaunen. Eine treffende Bezeichnung, für so ein wunderschönes Schauspiel. Ich danke dir, dass du diese Worte mit mir teiltest. Mehr noch, danke ich dir, dass du kleines Wesen, dich nicht vor mir fürchtest.
Ich danke dir, dass du mir in diesem Moment die Sternenbilder erklärst. Ich muss kichern, als ich die seltsamen Namen höre, die Ihr ihnen gabt. Was euch an Größe fehlt, gleicht Ihr mit unbegrenzter Fantasie aus. Wie könnte man sonst einigen wahllosen Punkten am Nachthimmel den Namen Kleiner Wagen geben.
Doch mir bleibt das Lachen im Halse stecken, noch immer fällt es mir schwer, in eurer Welt zu atmen.
„Wie geht es dir?“, fragst du mich.
„Ich habe Jemanden, der bei mir ist. Und ich freue mich, etwas über deine Welt zu lernen. Das reicht mir für den Moment.“, antworte ich mit schwacher Stimme.
Dein Blick verändert sich, ich glaube du schaust mich mitleidig an: „Wenn es doch nur etwas gäbe, das ich tun kann.“
Ich huste: „Du tust bereits so viel.“
Ich tauche meinen Kopf kurz unter Wasser, um mich aufzuwärmen. Als ich wieder auftauche, sage ich: „Wie trostlos wäre meine Zeit in eurer Welt, wie trostlos meine letzten Tage, wenn nicht du zu mir gekommen wärst.“
Deine Augen sind feucht. Mein Panzer kratzt über den Stein, als ich mich ein Stück aus dem Wasser ziehe.
Nun bin ich dir näher: „Wieso werden deine Augen nass?“
Du schniefst: „Na kennt Ihr denn keinen Kummer? Wir Menschen weinen, wenn wir traurig sind.“
Ich lege meinen Kopf zur Seite, denn ich bin bewegt von deiner Güte. In der Menschensprache würde dies wohl einem Lächeln gleich kommen. Noch immer fasziniert es mich, zu welcher Vielzahl an Ausdrücken dein Gesicht fähig ist. Vermutlich ist dies auch der Grund, warum du beim Sprechen so still hältst.
Würde unser eins sich bei einer Unterhaltung so wenig bewegen, wir wüssten die Gefühle unseres Gegenübers nicht zu deuten. Wir sind zwar mit einem starken Schnabel gesegnet, doch ihm fehlt die Ausdruckskraft eures kleinen Gesichts.
Ich ziehe mich wieder in den See zurück, denn mir ist kalt. Doch je länger ich im See verbleibe, umso kälter wird mir. Der See dampft noch immer wie am ersten Tage, doch mit meinem Körper geht es zu Ende.
Ich habe mein Schicksal akzeptiert. Nichts gibt es, dass ich tun kann, um es abzuwenden. Habe ich eure Welt zu Anfang gehasst, so lerne ich nun, ihre Schönheit zu bewundern. Dies verdanke ich vor allem dir. Dir, der du mir so viel erzähltest. Wir sind keine Art, die vieles bedauert, doch um eine Sache bin sogar ich wehmütig.
Zu gern würde ich einmal vor deinen Augen in die Lüfte steigen. Mich dir in meiner ganzen Pracht präsentieren, damit du mich nicht nur als Jemanden in Erinnerung behältst, der sich im See verkriecht.
„Ich muss nun leider gehen.“, sagst du. „Wirst du morgen noch hier sein, wenn ich wieder komme?“
„Gewiss, mein kleiner Freund.“, sage ich und neige meinen Kopf ein wenig.
Du lächelst, doch deine Augen sind nun noch feuchter als zuvor. Ich bin mir nicht sicher, ob du traurig bist, oder dich auf morgen freust.
Ich kann mich nicht dazu durchringen, dir Lebewohl zu sagen, obwohl ich nicht glaube, dass wir uns wieder sehen. Denn ich möchte keinen Kummer in deinem kleinen Gesicht sehen.
Ich fühle mich alt und schwach. Meine Bewegungen schmerzen, schrecklicher als je zuvor.
Als schließlich dein kleiner Körper hinter einem Hügel verschwindet, lasse ich mich langsam in den See hinabsinken. Ich bin bereit für das Ende.
Einen letzten Gedanken habe ich, er brächte mich zum Lächeln, wenn ich dazu in der Lage wäre. Ich kam als Fremder, doch mit meinem Ende, werde ich ein Teil dieser Welt. Und somit sterbe ich doch schlussendlich in meiner Welt.